Andacht
„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Amos 5
Liebe Leserinnen und Leser, liebe Gemeindeglieder,
mit dieser biblischen Besinnung verabschiede ich mich von Ihnen als Superintendent unseres Kirchenkreises. Am 18. Oktober diesen Jahres um 14 Uhr werde ich in einem Gottesdienst in der Erlöserkirche entpflichtet und in den Ruhestand verabschiedet. Mit 15 Jahren war diese Station die längste in meinem bisherigen Leben. Im Oktober 2011 begann ich und im Oktober 2026 endet mein Dienst.
In den Zeitraum dieses Gemeindebriefes fällt auch der Monat Juli und damit dessen Monatsspruch aus dem 5. Kapitel des Buches Amos. In Vers 24 heißt es dort: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Für mich ein großartiges Wort! Es hält die Verbindung zwischen Recht und Gerechtigkeit fest. Insofern ist er ein Kommentar zu jenem Nachwendesatz: ‚Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat.‘, den meiner Erinnerung nach Bärbel Bohley ausgesprochen hat. Sätze wie dieser von Amos zeigen, welche moralische Orientierung unser Glaube mit sich bringt und welche Werte für ihn wichtig sind.
Dass viele Gemeindeglieder diesen Kompass verinnerlicht haben wurde für mich deutlich an der großen Bereitschaft zur Hilfe, als im Jahre 2015/16 viele Geflüchtete auch in unserem Kirchenkreis angekommen sind. Da wurde zum Beispiel Wohnraum in Karlshorst und in anderen Gemeinden zur Verfügung gestellt. Da wurden Sprachkurse organisiert und viele Initiativen mehr: herzlichen Dank dafür! Unsere Kirchengemeinden wurden durch die engagierten Christenmenschen in ihnen zu Leuchtfeuern der Nächstenliebe. Dass man mit uns rechnen kann, wenn wir gebraucht werden, das hat sich damals gezeigt.
Gezeigt haben sich in unseren Gemeinden freilich auch die gesellschaftlichen Brüche in der Coronazeit. Es gab Kritik daran, dass sich Kirche widerspruchslos den staatlichen Auflagen gefügt hat. Manche Kritiker kamen mit dem Widerstandspotenzial der Kirchen in der DDR; ein schwieriger Vergleich. Andere wieder stimmten dem Weg unserer Kirche in dieser nicht leichten Zeit zu. Wir wollten niemanden allein lassen, und dennoch ist es in Einzelfällen wohl dazu gekommen.
Und ein Letztes gehörte in diese 15 Jahre für mich hinein: der Aufstieg der AfD. Ich bin dankbar dafür, dass sich unsere Kreissynode im Frühjahr diesen Jahres dafür ausgesprochen hat, dass sich unsere Kirchenleitung bei ihren Gesprächen mit der Politik für ein Verbot dieser Partei einsetzen soll. Wir wissen, dass damit die Gesinnung der hinter dieser Partei Stehenden nicht verändert wird, aber zumindest bekäme sie dann nicht noch finanzielle Zuwendungen des Steuerzahlers. Das Bibelwort für Juli ist auch deshalb für mich wichtig, weil es zeigt, dass unser Glaube sehr wohl etwas mit der Politik zu tun hat. Er verteidigt nämlich die Menschenrechte, die diese Partei einschränken möchte. Das haben wir klar auszusprechen, auch wenn es einzelne Gemeindeglieder (und andere Mitbürger) anders sehen.
Ich bin der festen Überzeugung, dass es für die Zukunft unserer Kirche und ihrer Gemeinden wichtig sein wird, ob wir die Themen ansprechen, die die Menschen bewegen; nur dann sind wir relevant. Bedeutsamkeit hängt nicht an der Zahl – zum Beispiel unserer Gemeindeglieder – sondern daran, ob wir ansprechen, was die Leute umtreibt. Was ist das?
Wen könnte man fragen, um eine Antwort auf diese Frage zu bekommen? Nach meiner Meinung sind in den letzten Jahren die Soziologen die geworden, bei denen man fündig werden kann. Und da findet sich das Stichwort ‚Verlust‘. Die Angst, zu verlieren, was man hat, bestimmt viele – und erklärt auch zu einem guten Teil den Aufstieg der AfD – und lähmt etliche Mitbürger zugleich. Es breitet sich Erschöpfung aus. Dabei geht es vielen bei uns gut. Erst recht, wenn wir uns mit Menschen auf anderen Kontinenten vergleichen. Deutschland ist noch immer ein attraktives Land mit seiner Mischung von individueller Freiheit und staatlich organisierter Vorsorge. Und dennoch rangieren wir weltweit gesehen nur auf Platz 22 des letzten Glücksatlas (Platz 1 belegt Finnland als das Land mit den glücklichsten Menschen; wenn man das denn messen kann). Das liegt sicher auch daran, dass immer weniger Menschen daran glauben, dass es ihren Kindern einmal besser geht als ihnen selbst. Dieses Aufstiegsversprechen wird zunehmend nicht mehr geglaubt. Das ist Demokratie gefährdend. War die Zukunft vor ca. 35 Jahren eher wie ein Versprechen – denken Sie an den Song von Scorpion ‚Wind of Change‘ – klingt sie heute in den Ohren Etlicher eher wie eine Drohung. So scheint es zu sein, wenn man den Soziologen zuhört; das ist es, was die Menschen bewegt. Und weil es so zu sein scheint, sollten wir uns darauf beziehen.
Die Befürchtung, der Kuchen reicht nicht für alle führt dazu, erst einmal zu definieren, wer nicht an den Tisch gehört; zum Beispiel die Ausländer. Aus der Perspektive unseres Glaubens muss gefragt werden, ob die Voraussetzung, dass der Kuchen nicht für alle reicht, stimmt. Wenn es im ersten Kapitel der Bibel von Gott im Blick auf seine Schöpfung heißt: „… und siehe, es war sehr gut.“, dann meint das auch, dass es für alle reicht. Dann wäre das Problem nur eine falsche Verteilung und kein Mangel. Wer das glaubt ist großzügiger, weil er selbst Großzügigkeit erlebt hat.
Ich habe in den letzten 15 Jahren sehr viel Großzügigkeit mir gegenüber erlebt. Ob es um den Umbau und die Sanierung des Hauses des Kirchenkreises in der Schottstraße 6 in Lichtenberg gegangen ist, oder um die Planung und Durchführung der Kreiskirchentage 2017 und 2025 – bei all diesen Vorhaben durfte ich mich im Rahmen der Entscheidungen unserer Kreissynode und des Kreiskirchenrates entfalten und hatte Spielräume. Dafür danke ich allen Verantwortlichen, die es über die Jahre hinweg in diesen Gremien gegeben hat. Und es war kein Zufall, dass diese Kirchentage nicht in einer Kirche stattgefunden haben. Ich wollte mit ihnen rausgehen, in die Stadt und wollte Orte zurückholen. Natürlich nicht, ihre Vergangenheit tilgen, aber diese Vergangenheit sollte nicht das letzte Wort behalten!
Dieses steht für uns unserem befreienden Gott zu. Aus seiner Zuwendung leben wir. Sein guter Geist ist der Atem, der unsere Welt und seine Schöpfung am Leben hält. Darum ist auch genug da für alle. Darum darf man auch ganz beruhigt seinen Frieden damit machen, dass man die wichtigsten Dinge im Leben ‚nur‘ geschenkt bekommen kann. Es ist mit dem Leben wie mit dem Schnee: beides haben wir nicht in der Hand. Wenn meine Enkeltochter stolz den Schnee mit in’s Zimmer bringt, zerrinnt er. Wir haben unser Leben nicht in der Hand, aber wir kennen den, der uns durch die Zeiten trägt – auf unserem Weg zu seiner Ewigkeit.
Bleiben Sie behütet!
Hans-Georg Furian
(Superintendent)
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